Was verraten mittelalterliche Quellen über den Holunder?

1.) In vielen zeitgenössischen Schriften wird zunächst zwischen dem giftigen Zwerg-Holunder (auch Attich) und dem Holunderbaum unterschieden. Letzterer ist jener Strauch, den wir heute gemeinhin unter der Bezeichnung „Holler“, „Holunder“ oder „Holder“ kennen und dessen Beeren und Früchte wir schätzen. Beide Pflanzen fanden in der mittelalterlichen Heilkunde Verwendung. Alle folgenden Ausführungen beziehen sich, wenn nicht anders vermerkt, auf den Holunderbaum.

2.) Holunder galt in der Humoralpathologie als warm und trocken, weshalb er gegen Leiden eingesetzt wurde, die kalten und feuchten Ursprungs waren. Als Heilmittel werden vor allem Blätter und Rinde erwähnt, aber auch Blüten und Beeren wurden medizinisch genutzt.

3.) Holundersirup wurde verwendet, um Darmwürmer zu töten und Ohren von Eiter zu befreien. Je nach Quelle wurde dieser Sirup aus den Holunderblättern oder aber aus dem Mark seiner Rinde hergestellt.

4.) Getrocknete Holunderblätter wurden auch als Pflaster benutzt. In Wein oder Öl getränkt sollten sie aufgelegt Verhärtungen in Milz und Leber lösen. Hildegard von Bingen empfiehlt, die frischen Blätter zunächst auf feuerheiße Ziegel zu legen, damit sie ihre Wirkung schneller entfalten können.

5.) Konrad von Megenberg lobt im Buch der Natur den wunderbaren Geruch der Blüten, die im Kreis stünden „wie eine Krone“. Als Mus zubereitet würden sie die Kräfte des Menschen stärken.

6.) Rezepte für Holunderblütenmus finden sich in zahlreichen spätmittelalterlichen Handschriften: In der Regel wurden dafür Holunderblüten einige Zeit in Milch eingelegt, abgeseiht, die Milch anschließend aufgekocht und dann entweder mit Eiern, Brot oder Mehl gebunden. Zur Verfeinerung konnten noch Fett und Gewürze beigemengt werden.

7.) Bereits im 13. Jahrhundert gab es einen Vorläufer unseres beliebten ‚Holunderspritzers‘: Im Pelzbuch des Gottfrieds von Franken wird beschrieben, wie man Wein mithilfe von getrockneten Holunderblüten so aromatisiert, dass er geschmacklich „einem Muskateller gleicht“.

8.) Die Beeren des Holunderbaumes und des Attichs konnten laut Gottfried von Franken in Salz eingelegt dazu genutzt werden, rotem Wein eine schöne Färbung zu verleihen.

9.) Hildegard von Bingen warnt vor Pilzen, die an Holunderstauden wachsen: Diese wären giftig, würden den Menschen schwächen und auch nicht als Heilmittel taugen.

10.) Die Blätter und Beeren des giftigen Zwerg-Holunders wurden genutzt, um blaue und braune Farbe für Garn und Stoffe herzustellen.

Verfasserin: Ylva Schwinghammer
Fotos: Ylva Schwinghammer

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Quellen:
Trude Ehlert: Maister Hannsen des von wirtenberg koch. Transkription, Übersetzung, Glossar und kulturhistorischer Kommentar. Frankfurt/Main: Tupperware 1996.
Gerhard Eis: Gottfrieds Pelzbuch. Studien zur Reichweite und Dauer der Wirkung des mittelhochdeutschen Fachschriftums. Brünn; München; Wien: Rohrer 1944. (=Südosteuropäische Arbeiten. 38.)
Anita Feyl: Das Kochbuch Meister Eberhards. Ein Beitrag zur altdeutschen Fachliteratur. Freiburg/Bg. Univ.: Diss. 1963.
Goehl, Konrad: Das Circa Instans. Die erste große Drogenkunde des Abendlandes. Baden-Baden 2015.
Konrad von Megenberg. Das Buch der Natur. Die erste Naturgeschichte in deutscher Sprache. Hrsg. von Franz Pfeiffer. Stuttgart: Aue 1861.
Riha, Ortrun: Hildegard von Bingen: Heilsame Schöpfung – Die natürliche Wirkkraft der Dinge. Rüdesheim/Eibingen 2016.
Das Buch der Natur von Conrad von Megenberg. Die erste Naturgeschichte in deutscher Sprache. In Neu-Hochdeutscher Sprache bearbeitet und mit Anmerkungen versehen von Hugo Schulz. Greifswald: Abel 1897.

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