Im Rahmen des Sparkling Science Projektes Arbeitskoffer zu den Steirischen Literaturpfaden des Mittelalters beschäftigte sich unser Projektteam der Universität Graz gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern der 6. Klasse des Gymnasiums in Knittelfeld (Obersteiermark) im Schuljahr 2017/18 intensiv mit einem mittelalterlichen Medizinbuch aus der Region, dem sogenannten Admonter Bartholomäus. Unter anderem wurde in gemeinsamen Workshops eine elektronische Teiledition mit Übersetzung für das Grazer didaktische Textportal zur Literatur des Mittelalters angefertigt, eine Kinderzeitschrift zum Thema „Medizin im Mittelalter“ erstellt und einzelne Aspekte des medizinischen Rezeptars näher betrachtet und mit zeitgenössischen Fachtexten sowie poetischen Texten des Mittelalters verglichen. Eine Zusammenschau der so entstandenen Forschungsberichte erscheint in den kommenden Wochen hier auf unserem Blog.

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Der Admonter Bartholomäus, ein Medizinbuch aus dem 15. Jahrhundert

Zum Auftakt dieser Reihe auf Basis des Admonter Bartholomäus möchten wir euch einen kleinen Überblick über die Geschichte der Medizin bis zur Entstehung unseres frühneuhochdeutschen Arzneibuches im 15. Jahrhundert geben:

Die Ursprünge der mittelalterlichen Medizin liegen in der Antike, ihre Entwicklung zeichnet sich durch einen regen Austausch zwischen Morgen- und Abendland aus: Das aus dem griechischen Raum stammende Wissen wurde in den Orient exportiert, wo es übersetzt und weiterentwickelt wurde und anschließend wieder in die westliche Welt gelangte und Verbreitung fand. In dieser jahrhundertelangen Überlieferungszeit bis in das Mittelalter kristallisierte sich drei Stationen besonders heraus: Die Insel Kos in der östlichen Ägäis, Bagdad im heutigen Irak sowie die italienische Stadt Salerno.

 

Kos: ‚Die Wiege der Medizin‘

Auf der griechischen Insel Kos, die sich nahe der türkischen Küste befindet, lebte und wirkte der berühmteste Arzt des Altertums: Hippokrates, der von etwa 460 bis um 370 v. Chr. lebte. Er ist nicht nur für den nach ihm benannten Eid bekannt, auf den Ärzte bis heute schwören, sondern auch als berühmtester Arzt der Antike und wird deshalb oft als der „Vater der modernen Medizin“ bezeichnet. Hippokrates führte Krankheiten auf ein Ungleichgewicht der vier im Körper enthaltenen Flüssigkeiten, Blut, Schleim, schwarze sowie gelbe Galle zurück und begründete damit die Viersäftelehre, die jahrhundertelange Tradition erfuhr.

Von den Lehren des Hippokrates stark beeinflusst, entwickelte der aus Pergamon stammende Arzt Galen (*129/131, †205/215) auf Basis der Viersäftelehre die Temperamentenlehre. Dieser Weiterentwicklung der hippokratischen Studien liegt die Theorie zu Grunde, dass jeder Flüssigkeit ein Temperament zuzuschreiben sei, das durch einen Überschuss den Menschen definiere: dem Blut der Sanguiniker, dem Schleim der Phlegmatiker, der gelben Galle der Choleriker und der schwarzen Galle der Melancholiker. Diese Lehre von den 4 Körpersäften und 4 Temperamenten wurde in engem Zusammenhang mit anderen Viererschemata gedacht: den 4 Jahreszeiten, den 4 Elementen und den 4 Primärqualitäten (warm und feucht, kalt und feucht, warm und trocken, kalt und trocken). Nicht nur Lebewesen, auch Nahrungsmittel, Heilpflanzen, Umwelteinflüsse und Gemütszustande wurden Primärqualitäten zugeordnet, wodurch sich für den mittelalterlichen Arzt ein ganzheitliches Bild des Zusammenwirkens unterschiedlicher Faktoren auf die Gesundheit des Menschen ergab. Galens Tätigkeiten blieben der übrigen Welt nicht verborgen, so wurde er u.a. Leibarzt des römischen Kaisers Commodus und seine Lehren der Temperamente fanden bis in das 17. Jahrhundert hinein Verwendung, bevor sie Schritt für Schritt durch die Weiterentwicklung der Wissenschaften abgelöst wurden. Im Begriff der Galenik, der Lehre von der Zusammensetzung und Zubereitung von Arzneimitteln, lebt sein Name weiter.

Mit der Zusammensetzung von pflanzlichen, tierischen und mineralischen Heilmitteln befasste sich jedoch schon mehr als hundert Jahre zuvor Pedanios Dioskurides (im ersten Jahrhundert n. Chr.), der berühmteste Pharmakologe der Antike. Seine Lehren finden sich in der Materia Medica, deren weitergebenes Wissen erst im 19. Jahrhundert durch die Entwicklung der organischen Chemie ersetzt wurde.

Abb.: Hippokrates, Galen und Dioskurides

Bagdad: ‚Das Haus der Weisheit‘

Durch einen regen Kulturaustausch gelangte im 9. Jahrhundert das antike medizinische Wissen in den arabischen Raum. Im Jahr 825 n. Chr. wurde das „Haus der Weisheit“ (arab. بيت الحكمة Bayt al-Hikma) vom Kalifen al-Ma’mūn gegründet, wo unter anderem die Schriften Galens durch den Arzt Hunain ibn Ishāq ins Arabische übersetzt werden. Unter al-Ma’mūn erlebte die arabische Kultur ihre Blütezeit und so erlebte die Medizin in den kommenden Jahrhunderten eine Hochphase. Berühmten Ärzte wie Rhazes, Avicenna und Haly Abbas verfassten auf Basis Galens eigene medizinische Werke, die nicht nur für die Medizin des Orients von großer Bedeutung war. Ihre Lehren wurden nach Europa importiert, wo sie gleichfalls die Medizingeschichte des Okzidents prägten – u.a. nach Salerno, einem der wichtigsten Zentren der europäischen Medizin des Mittelalters.

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Darstellung arabischer Gelehrter im Haus der Weisheit

 

Salerno: Die Schule der Medizin

Bereits im 10. und 11. Jahrhunderte bildete sich in der süditalienischen Stadt Salerno eine der berühmtesten Schulen der Medizin im europäischen Kulturraum heraus, die Universität in Salerno gilt als eine der ältesten Universitäten Europas. Zu ihrem Erfolg führte, dass die praktische medizinische Tätigkeit mit antiken griechischen Texten und der arabischen Medizin verbunden wurde, die durch die Lehrenden ins Lateinische, der damals vorherrschenden Wissenschaftssprache, übertragen wurden und somit (wieder) den Weg nach Europa fanden.

Auch für die Spezialisierung der Medizin zeigte sich Salerno verantwortlich, so spielten etwa drei Salerner Arzneibücher eine wichtige Rolle für die Entwicklung der Chirurgie und Pharmazie: Der Liber iste (aus dem 12. Jahrhundert, der Autor ist unbekannt), das die 70 am häufigsten verwendeten Arzneimittel der Salerner Schule enthält, das Circa instans, welches in etwa 250 Kapiteln Arzneipflanzen, deren Lagerung und Rezepte beschreibt, und das Antidotarium Nicolai, das 140 praxiserprobte Arzneimittel beschreibt sowie eine alphabetische Reihung, Synonymschlüssel und Gewichtstabellen enthält, um die Benützung zu erleichtern. Alle drei Werke wurden in viele Volkssprachen, so auch auszugsweise ins Deutsche, übersetzt und bezeugen die Wichtigkeit der Schriften.

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Darstellung der Schule von Salerno

Berühmte Gelehrte von Salerno sind etwa Constantinus Africanus (gest. 1087), der als muslimischer Kräuterhändler ungefähr 40 Jahre lang im Mittelmeerraum sowie Vorderen Orient aktiv war, bis er zum Christentum übertrat und als Übersetzer muslimischer Texte in Salerno tätig war oder Trotula, die einzig namentlich bezeugte Frau der Schule, die mit ihrer Practica secundum Trotam bereits im 12. Jahrhundert ein Traktat zur Allgemeinmedizin, Frauen- und Kinderheilkunde verfasste.

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Constantinus Afrikanus

Von besonderer Bedeutung für die deutschsprachige medizinische Literatur sei Bartholomäus von Salerno (12. Jahrhundert) genannt, ein Schüler des Constantinus Africanus. Sein Hauptwerk, die Practica galt als eine der wichtigsten Schriften der Glanzzeit Salernos. Maßgeblich für ihre Verbreitung und Übertragung in die Volksprache dürfte die Tatsache gewesen sein, dass die Practica auf die Diagnose und Behandlung verbreiteter Leiden mit einfach herzustellenden Arzneien fokussiert, die sich jeweils zumeist nur aus einer Handvoll, in Europa heimischen Bestandteilen zusammensetzen. Die aus dem arabischen Raum stammenden vergleichsweise komplizierten diagnostischen Anleitungen (z.B. zur Uroskopie) und die Polypharmazie mit ihren Arzneien, die viele exotische und damit teure, schwer zu beschaffende und fälschungsanfällige Wirkstoffe enthielten, müssten dem Verfasser zwar schon bekannt gewesen sein, er dürfte sie aber bewusst nicht aufgegriffen haben. Wie andere salertanische Werke der Zeit wurde das Arzneibuch des Bartholomäus nicht 1:1 ins Deutsche übertragen, sondern es wurden oft lediglich jene Rezepte bzw. Abschnitte herausgepickt, ergänzt und übertragen, die dem jeweiligen Arzt von Nutzen schienen, wobei man aber offensichtlich doch zumindest bemüht war, die Kernteile der einzelnen Traktate/Rezepte – Krankheitsnamen, Ingredienzien und Dosierung – zu erhalten. Alles andere behandelten die einzelnen Schreiber und Kompilatoren sehr frei. Genau das geschieht mit der Practica, in die bereits in der lateinischen Vorstufe des hochdeutschen Bartholomäus zahlreiche andere Einzelrezepte/-blöcke einfließen. Auch der hochdeutsche Bartholomäus, von dem heute rund 300 Textzeugen bekannt sind, blieb als Gebrauchsschrifttum über etwa drei Jahrhunderte lang stets in ‚Bewegung‘: Er wird verändert, erweitert, zerstückelt und wieder neu zusammengesetzt. Umgekehrt lösen sich auch Traktate im Laufe der Zeit aus dem Konvolut heraus und werden einzeln überliefert oder gehen neue Überlieferungsgemeinschaften ein (z.B. Harnschau und Geiertraktat).

 

Admont: Ein ’steirisches‘ Medizinbuch des 15. Jahrhunderts

In dieser Tradition steht der sogenannte Admonter Bartholomäus, ein im bayrisch-österreichischen Dialekt des Frühneuhochdeutschen verfasstes Medizinbuch aus dem 15. Jahrhundert, das den Ausgangspunkt unserer Artikelserie zur mittelalterlichen Medizin bildet. Im Prolog weist der uns unbekannte Verfasser auf die Entstehungsgeschichte des im Stift Admont aufbewahrten Textes hin:

Hye hebt sich an das puech von der ercznei Magistri Bartholomei von allen gueten dingen et cetera

Das puech tichtet ein Maister, der hies wartholomeus. Das nam er aus ainem kriechischen puech, das haisst prachktica. Das ist dauchscz getichtet, mit den selben worten, also es der Maister wartholomeus in Latein an seinem puech geseczt hat.
Wer in dem brief dicz puechs well wissen, der schol in also erchennen:
[Introductiones] et experimenta Magistri wartholomei in prachktica ypocrasis et Galienis et Constantini medicorum grecorum.

Hier beginnt das Buch der Arznei des Meisters Bartholomäus von allen guten Dingen et cetera.

Dieses Buch schrieb ein Meister, der Bartholomäus hieß. Das nahm er aus einem griechischen Buch, das „Practica“ heißt. Dies hier ist auf Deutsch geschrieben, in den selben Worten, wie sie der Meister Bartholomäus auf Latein in seinem Buch geschrieben hat.
Wer den Namen dieses Buchs wissen will, der soll ihn an dieser Stelle erfahren:
Einführungen und praktische Anwendungen des Meisters Bartholomäus in der Tradition des Hippokrates, des Galen und des Constantinus Africanus, dem griechischen Arzt.

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Erste Seite des Admonter Bartholomäus, Stiftsbibliothek Admont, Cod. 329 fol. 1r

Neben einem Kern, der sich auf die Practica des Bartholomäus von Salerno zurückführen lässt und etlichen Abschnitten, die sich bereits in früheren deutschsprachigen Vorgängern der Bartholomäus-Tradition findet, hat sich die Admonter Abschrift zahlreiche neue Bestandteile ‚einverleibt‘. Als – nach unserem derzeitigen Wissensstand als einziger Bartholomäus – enthält sie beispielsweise auch einen Block zur Behandlung der Pest sowie eine ganze Reihe von zusätzlichen Rezepten.

Die handschriftliche Überlieferung des Admonter Bartholomäus befindet sich im Admonter Codex 329 auf den Blättern 1r-36v (und 178), der auch heute noch im Benediktinerstift Admont in der Obersteiermark aufbewahrt wird. Es folgt im selben Codex das Arzneibuch Ortolfs von Baierland, oftmals als ‚Nachfolger‘ des Bartholomäus bezeichnet, über lange Zeit hindurch werden diese beiden großen deutschsprachigen Arzneibücher des Mittelalters gemeinsam überliefert. Der Bartholomäus-Teil wurde 2007 von der Grazer Germanistikstudentin Anna Tesch transliteriert und im Jahr 2017/18 von Ylva Schwinghammer und Wolfgang Holanik unter Mitwirkung von Studierenden und Schüler*innen in Auszügen im Rahmen einer Digitalen Edition aufbereitet und übersetzt.

Verfasser: Stefan Hofbauer, Ylva Schwinghammer

 

Quellen- und Literaturverzeichnis

Al-Khalili, Jim: Im Haus der Weisheit. Die arabischen Wissenschaften als Fundament unserer Kultur. Aus dem Englischen übersetzt von Sebastian Vogel. Frankfurt/Main: Fischer 2011.

Baader, Gerhard: Die Schule von Salerno. In: Medizinhistorisches Journal 13 (1978), S. 124–145.

Eckart, Wolfgang U.; Jütte, Robert: Medizingeschichte. Eine Einführung. 2. überarb. u. erg. Aufl. Stuttgart: UTB 2014. (= UTB. 2903.)

Holanik, Wolfgang; Schwinghammer, Ylva: Lernerorientierte Teiledition und Übersetzung des ‚Admonter Bartholomäus‘ auf Basis der dynamischen Lesefassung von Anna Tesch. Unter Mitwirkung von Lisa Glänzer, Stefan Hofbauer, Philipp Pfeifer, Magdalena Laura Halb, Johanna Damberger, Sabrina Bamberger sowie den Schüler/innen des BG/BRG Knittelfeld. Graz 2018.

Franz Pfeiffer, Zwei deutsche Arzneibücher aus dem 12. und 13. Jahrhundert, in: Sitzungsberichte der phil.-hist. Classe der kaiserl. Akademie der Wissenschaften, Bd. 42, Wien 1863, S. 110-200, hier S. 114f., 127-159 (mit Abdruck).

Rzihacek-Bedő, Andrea: Medizinische Wissenschaftspflege im Benediktinerkloster Admont bis 1500. Wien [u.a.]: Oldenbourg 2005. (= Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung. Ergänzungsband, 46.)

Tesch, Anna M.: Der ‚Admonter Bartholomäus‘ (Cod. 329). Teiledition mit elektronischer Basistransliteration und ‚dynamisch‘ abgeleiteter Lesefassung. Graz: Univ. Dipl.-Arb. 2007.

Walter L. Wardale: Der Hochdeutsche Bartholomäus. Kritisch kommentierter Text eines mittelalterlichen Arzneibuches auf Grund der Londoner Handschriften Brit. Mus. Add. 16.892, Brit. Mus. Arundel 164, Brit. Mus. Add. 17.527, Brit. Mus. Add. 34.304. (Hrsg. von James Follan nach dem Manuskript Wardales von 1971). Mit einem Gedenkwort von W. H. Bruford.

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