Das ist von dem zaichen des lebens oder des todes… Bereits in den ältesten medizinischen Texten finden sich sogenannte Todeszeichen. Lange verstand man darunter Zeichen, die darauf hindeuten, dass ein Kranker voraussichtlich sterben wird und nicht etwa Indizien für den bereits eingetretenen Tod. Mit der Feststellung oder Beschreibung des tatsächlich eingetretenen Todes hatten Ärzte im Mittelalter nur wenig zu tun – dies wurde Verwandten, Nachbarn oder Geistlichen überlassen. Unzählige Todeszeichen sind (als Teil der Lehre über klinische Krankheitszeichen) aus der antiken Heilkunde überliefert: so zum Beispiel Verletzungen an lebenswichtigen Organen und auffälliges beziehungsweise ungewohntes Verhalten des Kranken. Auch das Aussehen des Kranken, dessen Reaktion auf den Arzt wie auch die Beschaffenheit von Blut und Harn waren ausschlaggebend. Diese prognostischen Todeszeichen waren wichtiger als Krankheitszeichen (die oft für die Krankheit selbst standen), da sie zur Einschätzung des Krankheitsverlaufs dienten.

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Hippokrates von Kos, Darstellung aus dem 19. JH 

Eine bedeutende Quelle der Antike ist das Corpus Hippocraticum, eine Sammlung von ca. 70 Schriften des altgriechischen Arztes Hippokrates (ca. 460-370 v. Chr.). Das darin enthaltene Buch der Prognosen enthält, neben vielen Todesvorhersagen, auch die viel rezipierte und stereotypische Beschreibung eines sterbenden Menschen. Nach Hippokrates sei es besonders wichtig, das Gesicht eines Kranken zu beobachten. Jenes eines Todgeweihten beschreibt er folgendermaßen: „Die Nase ist spitz, die Augen sind hohl, die Schläfen eingefallen, die Ohren kalt (…), die Farbe des ganzen Gesichts blass oder schwärzlich“ (Schäfer 2015, S. 55). Allerdings sei ein solches Gesicht, die sogenannte Facies Hippocratica, nur dann ein Anzeichen des Todes, wenn die Prognose durch andere Zeichen betätigt werden kann und auszuschließen ist, dass der Kranke fastet, an Durchfall oder an Schlafstörungen leidet. Hippokrates erwähnt dabei nicht, wie viele der Merkmale für eine zuverlässige Prognose zutreffen müssen. Vielmehr scheint es ihm um einen Gesamteindruck zu gehen, welcher allerdings durch bestimmte Ausschlusskriterien abgesichert werden soll. Ein direkter Kontakt zum Kranken ist hier – wie bei vielen Todeszeichen – nicht nötig, was ein Vorteil für den vormodernen Mediziner war.

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Ärzte hatten damals keine feste Absicherung, sie waren freiberuflich tätig oder von einem Dienstherrn abhängig und darum auf ihren guten Ruf angewiesen. Schwerkranke und Sterbende bis zu ihrem Tod zu behandeln, konnte als Habgier oder ärztliches Versagen ausgelegt werden und wird deswegen in vielen medizinischen Texten ausdrücklich abgelehnt. Diese Einstellung mittelalterlicher Ärzte Schwerkranken und Sterbenden gegenüber zeugt von der „therapeutischen Machtlosigkeit der vormodernen Heilkunde“ (Schäfer 2015, S. 58) und verdeutlicht die allgemeine Distanz der mittelalterlichen Medizin zum Tod. Vereinzelt plädierten Mediziner und Theologen dafür, sich auch hoffnungsloser Fälle anzunehmen, dies blieb allerdings lange die Ausnahme.

Im Hoch- und Spätmittelalter wurde das antike Wissen über die Vorhersage des Todes nicht nur aufgegriffen, sondern auch um zahlreiche spekulative Methoden erweitert. Hinzu kamen die sehr beliebten Genesungsproben, welche die durchwegs unsicheren Todesprognosen absichern sollten. Diese wurden vor allem dann gerne eingesetzt, wenn andere diagnostische Verfahren nicht aussagekräftig waren beziehungsweise eindeutige Symptome fehlten. Je nach Ausgang dieser oft bizarren Experimente, schätzte man die Aussichten des Kranken auf Genesung ein. Gerne wurden Pflanzen (meistens Nesseln) mit dem Harn des Kranken übergossen, aber auch Hunde oder Maulwurfsherzen wurden herangezogen. Häufig mischte man auch die Milch einer Frau (die einen Knaben säugen musste) mit Harn oder ließ etwas Blut oder Speichel in Wasser tropfen und interpretierte dann die Veränderungen der Flüssigkeit. Überdies wurden Kräutertränke verabreicht, die der Sterbende entweder bei sich behielt (Lebenszeichen), oder aber erbrechen musste (Todeszeichen). Um an Glaubwürdigkeit zu gewinnen, wurden diese weit verbreiteten mantischen Vorhersagen – die oft weder empirisch noch rational nachvollziehbar scheinen – häufig Hippokrates, dem „Vater der Heilkunst“ zugesprochen. Einzelne Textstellen belegen außerdem die Anwendung von magisch-onomantischen Praktiken und Amuletten zur Vorhersage des Todes bei schweren Fällen. Unsicher ist, seit wann die Methode des Pulsfühlens regelmäßig zur Vorhersage und Feststellung des Todes eingesetzt wurde – obwohl schon Aristoteles (348-322 v. Chr.) „die Tätigkeit des Herzens als Lebensgrundlage annahm“ (Schäfer 2015, S. 68) und Galen (130-210 n. Chr.) sich mit der Pulsdiagnostik beschäftigte. Vielmehr galt der, etwas offensichtlichere, Atemstillstand als wichtigstes Kriterium des eingetretenen Todes. Im Corpus Hippocraticum werden diesbezüglich außerdem Veränderungen der Augen, Entfärbung und Kaltwerden von Lippen und Zunge wie auch die Totenstarre beschrieben.

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Zeichen des Lebens und des Todes im Admonter Bartholomäus

Im Admonter Bartholomäus findet sich Beiträge zu den Zeichen des Lebens und des Todes im Text verteilt auf den Handschriftenblättern 7vb-8ra, 9ra und 15ra-15rb. Es handelt sich dabei um neun eher kurze Textstellen (zwischen 3 und 11 Zeilen), wobei keine erkennbare Struktur oder logische Reihenfolge vorliegt und sich einige Passagen inhaltlich wiederholen. Eine weitere, etwas längere Textstelle (23 Zeilen) findet sich unter den Tränken. Betitelt werden besagte Stellen mit Das ist von dem zaichen des lebens oder des todes, Von den zaichen des todes, Von dem tod vnd von dem leben oder mit Das ist auch von einem Trank. Davon erwähnt eine einzige Textstelle zwei Anzeichen, die darauf hindeuten, dass der Kranke überleben wird. Fünf weitere Stellen kombinieren ein oder mehrere Zeichen des Todes mit einem oder mehreren Zeichen des Lebens. In den übrigen vier Textstellen ist lediglich von einem oder mehreren Zeichen des Todes die Rede. Zwei Textstellen enthalten Anleitungen für eine Genesungsprobe mittels Bibernelle, einer Heilpflanze, zu deren Gattung auch der Anis zählt. Die Präzision der Vorhersagen reicht dabei von der stirbt an dem ainleften tag und an welchem siechen dise czaichen siechst, der ist vaig bis hin zu, das ist nicht guet.

Zunächst wird mangelnder Schweiß als Indikator des nahenden Todes aufgeführt und darauf hingewiesen, dass ganzkörperliches Schwitzen, wie auch Schweiß im Kopf- und Brustbereich, für die baldige Genesung des Kranken sprechen. Anschließend folgt eine präzise Vorhersage: Lustlosigkeit, ein eingefallener Bauch und fehlender Schweiß führen bei schwerer Krankheit zum Tod am 11. Tag. Ein weiterer Abschnitt besagt, dass ein Kranker, dem die verabreichte Arznei bekommt, genesen wird, während häufiges Wegdrehen (zw der went) als schlechtes Zeichen erachtet wird. In der darauffolgenden Textstelle wird die Gesamtheit der Facies Hippocratica (siehe oben) als eindeutiges Todeszeichen genannt. Dies wiederholt sich stellenweise in der nächsten Passage und wird um Folgendes ergänzt: unübliches Schlafen mit offenen Augen und Mund wie ein tränendes linkes Auge führen zum Tod am 3. Tag. Danach soll die Reaktion des Kranken auf den Arzt gedeutet werden: Wirft ersterer die Hände über den Kopf und zieht die Füße an sich, so wird er genesen. Wirft er den Kopf aber in Richtung der Füße, wird er sterben.

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Im Admonter Arzneibuch findet sich außerdem die Behauptung, dass man, nachdem man eine Krankheit zweimal überstanden hat, an selbiger nicht mehr sterben wird. Dies erinnert an das Prinzip der Immunisierung wie es bei Infektionskrankheiten, wie beispielsweise Pocken oder Masern, zu Tragen kommt. Außerdem wird hier gesagt, dass solange der siech den grúnen ring siecht, er nicht todgeweiht ist. Der grüne Ring bezieht sich hier wohl auf das Glaukom, auch Grüner Star genannt. Erhöhter Augeninnendruck schädigt dabei den Sehnerv, wodurch Betroffene häufig grüne Farbringe um Lichtquellen wahrnehmen können. Die Krankheit kann zwar zur völligen Erblindung führen, ist aber – wie im Bartholomäus beschrieben – keinesfalls tödlich.

Neben einer Anleitung für einen einfachen Trank aus Wasser und Bibernelle, der für eine Genesungsprobe verwendet werden kann, findet sich im Abschnitt zu Heilränken ein Rezept für schwere Verwundung mittels derselben Pflanze, allerdings wesentlich detaillierter und um Folgendes ergänzt: Fällt die Probe negativ aus, wird dem Leser geraten, sich nicht weiter um den Kranken zu kümmern, was auch schon Hippokrates nahelegt und der Einstellung mittelalterlicher Ärzte dem Sterbenden gegenüber, entspricht. Behält der Kranke den zubereiteten Trank aber bei sich, so könne man ihn ohne Bedenken weiter behandeln. In diesem Fall wird empfohlen, ringe kost, dew er verdán mag zu verordnen und Speisen beziehungsweise Getränke wie beispielsweise met, wasser, milch, vierdigen kás, pótigen chraut, sweinen fleisch und allerlay obs (ausgenommen Weinbeeren) zu verbieten – zumindest bis Besserung eintritt.

 

Weitere Abhandlungen zu Todeszeichen in der Fachliteratur des Mittelalters

Im Arzneibuch des Ortolf von Baierland widmet der Autor 68 Zeilen den Zeichen des nahenden Todes. Zur Legitimation des nachfolgenden Wissens wird selbiges in einer kurzen Einleitung, wie damals durchaus üblich, dem antiken Arzt Hippokrates zugeschrieben. Dieser habe den Text durch rechter lieb willen daz sÿe nÿemant nach jm könd mit in sein Grab genommen, wo man ihn später vorfand. Der darauffolgende Text gliedert sich in kurze Abschnitte von drei bis sieben Zeilen, eine logische Reihenfolge ist dabei nicht erkennbar. Darin werden jeweils ein oder mehrere Todeszeichen an verschiedene Bedingungen geknüpft, die sich entweder auf das Verhalten des Kranken beziehen oder den anfänglichen Verlauf der Krankheit betreffen, wie zum Beispiel er in sein naszlocher greÿfft oder in der siechtag mit sweisz anküm. Gelegentlich werden auch andere Symptome, wie er viI speichelen in dem münde hat vnd jm daz gemechte we thut, als Bedingung genannt. Die Todeszeichen in Kombination mit diesen Bedingungen führen dann stets zu einer exakten Prognose des Todestages, die von an dem andern tag bis zu so stirbt er an dem xxvi tag reichen kann. An einer Stelle heißt es noch präziser so stirbt er an dem funfften tag, ee denn dÿ sünne vnttergeet. Bei den Todeszeichen handelt es sich in diesem Werk um verschiedene Arten von Blasen (plattern), deren Beschreibung sich in vier Kategorien einteilen lässt: Betroffene Stelle am Körper, Form der Blase, Farbe der Blase und Schmerzhaftigkeit der Blase. Das Wort platter bei Ortolf ist mehrdeutig: Bei einer Blase im Gesicht könnte es sich z.B. um ein Oberlippenabszess oder eine Gesichtsphlegmone handeln (vgl. Riha 2014, Edition, S. 222). Der typische Aufbau einer Textstelle sieht demnach zum Beispiel folgendermaßen aus:

Wenn eÿnem siechen ein platter an der mittelen zehen auf dem lincken füesz wirt, so wisz daz der mensch stirbt an dem xxij tag; ob jn der siechtag mit begerung fremdes gutes ankommen ist.

Wenn bei einem Kranken eine Blase auf der mittleren Zehe am linken Fuß entsteht, dann wisse, dass der Mensch am 22. Tag stirbt, wenn er zu Beginn der Krankheit fremden Besitz begehrte.

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In der Kleinen Todesprognostik (Clm 774, 19v) findet man die Zeichen des Todes auf 22 Zeilen mit Signa Mortis betitelt. Zuerst wird, wie auch im Bartholomäus, die Facies Hippocratica als Zeichen des Todes beschrieben, allerdings mit folgendem Zusatz: Eine Durchfallerkrankung muss auszuschließen und der Kranke soll zusätzlich sehr schläfrig sein (hat er die rur nichtt und nicht lang gewacht hat). Diese Bedingungen, die Facies Hippocratica betreffend, nennt auch Hippokrates im Original – im Bartholomäus fehlen sie jedoch zur Gänze. Die nächste Textstelle nennt verschiedene Auffälligkeiten am Auge als Todeszeichen, die sich, wenn auch präziser, teilweise mit denen im Bartholomäus decken (im die augen zacherent). Im letzten Abschnitt des Textes dienen Lage und Bewegung des Schwerkranken als Todes- bzw. Lebenszeichen. Häufiger Positionswechsel ist demnach ein gutes Zeichen, wohingegen der Tod naht, wenn der Kranke sich von dem haubt zu den fuzzen leget. Abschließend heißt es, wenn sich jemand in einer schweren Krankheit und entgegen seiner Gewohnheit auf den Bauch legt, so ist das ein Todeszeichen.

In der Deutschen Lebens- und Todesprognostik (Prag Ms. XV E17, 43v) nehmen die Zeichen des Lebens und des Todes 27 Zeilen ein. Wie im Bartholomäus werden auch hier mangelndes Schwitzen, häufiges Wegdrehen, kalte Ohren, eingefallener Bauch und Schlafen mit offenem Mund (entgegen der Gewohnheit) zu den Todeszeichen gezählt. Letzteres führe zum Tod am dritten Tag, wenn zusätzlich Flüssigkeit aus dem linken Ohr läuft. Auch Genesungsproben finden sich: Der Harn eines Kranken, den her noch mitter nacht geharnt, soll über grune nesseln gegossen werden. Hat die Pflanze am nächsten Tag davon keinen Schaden genommen, so wird der Kranke gesund – ist sie aber verdorrt, bedeutet das den Tod. Diese Art der Genesungsprobe war damals sehr beliebt und auch im Bartholomäus finden sich zwei Anleitungen, die allerdings die Bibernelle verwenden. Eine Genesungsprobe mithilfe der Nessel findet man im Admonter Bartholomäus aber ebenso: Wenn die Nessel mit dem Harn des Kranken, der nach Mitternacht geharnt wurde, übergossen wird, und am nächsten Tag grün bleibt, so wird er gesund. Verdorrt sie, stirbt er. Diese Anweisung stimmt also mit der Prager Lebens- und Todesprognostik überein.

 

Die Todeszeichen in der Dichtung des Mittelalters

Auch in die literarischen Texte des Mittelalters fanden die Todeszeichen Eingang:

Im Nibelungenlied, dessen Anfang des 13. Jahrhunderts in mittelhochdeutscher Sprache aufgeschriebener Stoff bedeutend älter ist und teilweise auf Begebenheiten aus der Zeit der germanischen Völkerwanderung beruht, findet sich eine Textstelle, die den verhängnisvollen Jagdausflug behandelt, bei dem der Held Siegfried von Hagen – einem Gefolgsmann König Gunthers, welcher auch Siegfrieds Schwager ist – hinterrücks mit seinem eigenen Speer ermordet wird. Dabei bohrt sich der Speer von hinten durch Siegfrieds Herz. Als er die schwere Wunde realisiert, verfolgt er in einem Wutanfall den Mörder und schlägt ihn, swie wunt er was zem tôde, so kräftig mit einem Schild, dass er zusammenbricht. Dann erst machen sich die Folgen der Verwundung bemerkbar: sînes lîbes sterke diu muose gar zergên, wand er des tôdes zeichen in liehter varwe truoc. Hier wird explizit die Fahlheit des Gesichtes (in Kombination mit einer schwerwiegenden Verletzung) als Todeszeichen genannt – ein Merkmal der Facies Hippocratica, das auch in den medizinischen Fachtexten der Zeit Erwähnung findet. Darüber hinaus schwinden die körperlichen Kräfte des Helden und obwohl er sehr stark aus seiner Wunde blutet, verflucht Siegfried noch seinen Mörder und jene, die den Mord geschehen ließen.

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Darstellung von Siegfrieds Tod

Beim Rolandslied des Pfaffen Konrad handelt es sich um die mittelhochdeutsche Adaptation eines altfranzösischen Versepos, die zum Teil auf historischen Begebenheiten aus der Zeit Karls des Großen (ca.747-814 n. Chr.) basiert. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Konflikt zwischen Christen und Heiden im heutigen Spanien. Die Helden Roland und Olivier stehen dem zahlenmäßig weit überlegenen Heer des Königs von Karthago, genannt Algarich, gegenüber. Angesichts dieser Übermacht sterben Roland und seine Streitmacht den Märtyrertod, allerdings nicht, ohne dem gegnerischen Heer der Heiden schwer zuzusetzen. Im Laufe der Schlacht sticht Algarich Olivier inalmitten durch den lîp und spricht: du hâst ein tœtlich zaichen. Hier wird also, wie bereits in der antiken Heilkunde, die schwere Verwundung selbst als offensichtliches Todeszeichen dargestellt. Im Bartholomäus ist davon lediglich in der Textstelle, die sich bei den Tränken findet, die Rede. Hier heißt es, wenn man wissen will, ob ein Mensch, wenn er hartt wunt ist, überlebt oder sterben wird, soll man eine Genesungsprobe mittels Bibernelle durchführen. Wie auch Siegfried im Nibelungenlied, zeichnet sich der Held hier dadurch aus, dass er selbst im Angesicht des Todes noch unfassbare Kräfte aufbringt, bevor er letztlich stirbt

alsô töuwente kêrte Olivier dar. er gefrumt in der scar manigen haiden wol gar blaich unt übel gevar

Im Engelthaler Schwesternbuch finden sich zahlreiche Berichte, die das Sterben zum Thema haben und der Dominikanerin Christine Ebner (1277-1356 n. Chr.) zugeschrieben werden. Eine Textstelle erzählt von der Nonne Berta Makerin, die seit längerem eine schmerzhafte Krankheit quält. Auf den Tod angesprochen erwiderte sie allerdings stets: Ich erstirb nimer, ez kum dann kunig David und herpf die sel auz mit sinen clengen. Eines Tages war sie sich aber sicher, sie würde sterben und bat aus diesem Grund die Priorin des Klosters um die letzte Ölung. Da sie aber keine Zeichen des Todes an sich trug, waren die übrigen Nonnen skeptisch (Du hast kein todzaichen an dir, du hast dich oft wirser gehabt). Doch Berta bestand auf die Krankensalbung und behielt Recht: Sie starb noch in derselben Nacht, an der Seite ihrer Nichte.
Hier werden also keine spezifischen Todeszeichen genannt, vielmehr steht deren Nichtvorhandensein im Mittelpunkt. Die Tatsache, dass eine Schwerkranke stirbt, obwohl sie keinerlei geläufige Zeichen des Todes aufweist, könnte auf die Unsicherheit und die spekulative Natur dieser Prognosen anspielen.

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Todeszeichen in der Medizin heute

Ein Todeszeichen (Signum Mortis) dient in der modernen Medizin dazu, den Tod festzustellen beziehungsweise den genauen Todeszeitpunkt einzugrenzen. Letzteres ist vor allem für die Gerichtsmedizin von Bedeutung.
Man unterscheidet dabei heute unsichere Todeszeichen, wie zum Beispiel das Fehlen von Atmung und Puls, Bewusstlosigkeit, Abkühlung des Körpers oder Hautblässe, von den sicheren Todeszeichen. Letztere lassen sich außerdem in frühe Veränderungen (Hirntod, Totenstarre, Totenflecke und nicht mit dem Leben zu vereinbarende Verletzungen, wie Durchtrennung oder Verkohlung des Körpers) und späte Veränderungen (Verwesung, Besiedelung des Körpers durch Tiere, Leichenwachsbildung und Mumifizierung) unterteilen. In der Transplantationsmedizin nimmt der Hirntod – als vom Gesetzgeber anerkanntes Todeszeichen – eine besondere Rolle ein. Hinweise dafür sind beispielsweise weite und lichtstarre Pupillen, fehlende Reflexe oder eine Null-Linie im Elektrokardiogramm. In der Rettungsmedizin ist allerdings umstritten, wie lange eine Null-Linie im EKG aufgezeichnet werden soll. Da diese kein sicheres Todeszeichen im engeren Sinn darstellt, müsste eine Wiederbelebung bis zum Eintreten von tatsächlichen sicheren Todeszeichen durchgeführt werden.

Im Unterschied zu Antike und Mittelalter (bis in die frühe Neuzeit hinein) handelt sich bei Todeszeichen heute also um diagnostische Anzeichen für den bereits eingetretenen Tod und nicht um prognostische Hinweise auf den kurz bevorstehenden Tod.

Autorin: Johanna Damberger unter Mitwirkung von Xhevahire Lezi, Selina Themessl, Christoph Kolland, Michael Brandl (Schülerinnen und Schüler des BG/BRG Knittelfeld)

 

Quellen:

Schäfer, Daniel: Der Tod und die Medizin. Kurze Geschichte einer Annäherung. Berlin; Heidelberg: Springer 2015, S.53-70.

Telle, Joachim: Funde zur empirisch-mantischen Prognostik in der medizinischen Fachprosa des späten Mittelalters. In: Sudhoffs Archiv 52 (1968), H. 2, S. 130-141, bes. S. 130-136.

Tesch, Anna Maria: Der „Admonter Bartholomäus“ (Cod. 329): Teiledition mit elektronischer Basistransliteration und ‚dynamisch‘ abgeleiteter Lesefassung. Graz: Univ., Dipl.-Arb. fol. 7vb-8ra, 9ra, 15ra-15rb.

Schäfer, Daniel: Der Tod und die Medizin. Kurze Geschichte einer Annäherung. Berlin; Heidelberg: Springer 2015, S.53-70.

http://www.wissenschaft.de/archiv/-/journal_content/56/12054/1542349/Farbige-Ringe-sind-Alarmzeichen/ [Stand: 13.02.2018]

https://de.wikipedia.org/wiki/Bibernellen [Stand: 13.02.2018]

Das Arzneibuch Ortolfs von Baierland. Auf der Grundlage der Arbeit des von Gundolf Keil geleiteten Teilprojekts des SFB 226 ‘Wissensvermittelnde und wissensorganisierende Literatur im Mittelalter’ zum Druck gebracht, eingeleitet und kommentiert von Ortrun Riha. Wiesbaden: Reichert 2014. (= Wissensliteratur im Mittelalter. 50.) S. 66f. Übersetzung: Mittelalterliche Heilkunst. Das Arzneibuch Ortolfs von Baierland (um 1300). Eingeleitet, übersetzt und mit einem drogenkundlichen Anhang versehen von Ortrun Riha. Baden-Baden: DWV 2014. (= DWV-Schriften zur Medizingeschichte. 15.) S. 52f.

Sudhoff, Karl: Eine kleine deutsche Todesprognostik. In: Archiv für Geschichte der Medizin 5 (1911), H. 3, S. 240.

Sudhoff, Karl: Abermals eine deutsche Lebens- und Todesprognostik. In: Archiv für Geschichte der Medizin 6 (1912), H. 3, S. 231.

Das Nibelungenlied. Zweisprachig. Hrsg. und übertragen von Helmut de Boor. 6. Aufl. Köln: Parkland 2005, S. 310-315.

Das Rolandslied des Pfaffen Konrad. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. Hrsg., übersetzt u. kommentiert von Dieter Kartschocke. Stuttgart: Reclam 1993. (= RUB. 2745.) S. 434-437.

Schröder, Karl: Der Nonne von Engelthal Büchlein von der gnaden uberlast. Tübingen 1871. (= Bibliothek des Litterarischen Vereins Stuttgart. 108.) S. 23f.

https://de.wikipedia.org/wiki/Todeszeichen [Stand: 13.02.2018]

Die Fotos entstanden im Rahmen des Projektes „Arbeitskoffer zu den Steirischen Literaturpfaden des Mittelalters“

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