Von den wúnden, das si volhailn – Verletzungen und Wunden gehörten zum Alltag des mittelalterlichen Menschen, deshalb beschäftigten sich sehr viele Mediziner mit der Wundheilung. Mit wundärztlichen Maßnahmen sind sowohl operative Eingriffe als auch Zusammensetzung, Herstellung und Anwendung von Heilmitteln zur Behandlung von Wunden zusammengefasst. Zu diesen Mitteln zählten all jene Arzneien, die helfen konnten, den Heilungsprozess zu unterstützen und zu beschleunigen, wie etwa Salben, Öle, Tränke. Zudem existieren v.a. aus dem Frühmittelalter noch Zauber- bzw. Segenssprüche, welche die Wundheilung beeinflussen sollen – so soll der in althochdeutscher Sprache verfasste Straßburger Blutsegen den Blutfluss bei offenen Wunden verhindern:

Genzan unde Jordan keiken sament sozzon.

to uersoz Genzan Jordane te situn.

to uerstont taz pluot. uerstande tiz pluot,

stant pluot, stant pluot fasto!

Genzan und Jordan gingen zusammen schießen.

Da traf Genzan den Jordan in die Seite.

Da stand das Blut. So stehe dieses Blut,

stehe Blut voll und ganz!

Teil der Wundärztlichen Ausbildung war das Zubereiten von Pflastern und Verbänden. Verrenkungen wurden durch fixierende Verbände, Knochenbrüche durch erstarrende Verbände und komplizierte Brüche durch gefensterte Verbände ruhiggestellt. Der Gipsverband, der im arabischen Raum bereits bekannt war, war im Abendland noch nicht in Verwendung.

Wunden wurden inspiziert, abgetastet, mit Sonden untersucht und gereinigt. Außerdem wurden sie gewaschen, verbunden und genäht. Um Eiter ablassen zu können, wurden Teile der Wunde offengelassen oder Drainagen angebracht. Es gab bereits eine Vielzahl an Möglichkeiten, eine Wunde durch Nähen zu schließen. So wurden beispielsweise, wenn es der kosmetische Anspruch wollte, sogenannte selp-haft-Pflaster dazu verwendet, sichtbare Narben zu vermeiden. In Bologna entwickelte man auch Alkohol-Verbände und wasser- sowie luftundurchlässige Verbände. Diese konnten sich aber nicht durchsetzen, weil sie die Wunde nicht eitern ließen. Weiters gab es den zwichaften, bei dem die fadengesicherte Nadel noch im Stich liegen blieb.


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Ein Arzt verbindet ein verwundetes Bein im Codex Manesse. Quelle: Cod. Pal. Germ. 848. fol. 158r.

Verbrennungen und Hautkrankheiten wurden äußerlich behandelt. Bei Abszessen versuchte man die Reifung durch Medikamente zu beschleunigen, um sie dann durch einen Schnitt oder mit Ätzmitteln öffnen zu können. Geschwülste wurden vollständig entfernt oder durch Ausbrennen bekämpft. Offene Krebsgeschwüre, die man, wie auch die Fisteln, als Lebewesen ansah, wurden mit einem Pulver der Herbstzeitlosen behandelt.

Es gab auch bereits Spezialärzte. So wurde bei einem Hoden- oder Leistenbruch ein Schnittarzt gerufen, der diesen mit einem Blasenschnitt, der nach antikem Vorbild ausgeführt wurde, behandelte. Beim Star führte der Augenarzt den Starstich durch oder aber eine intrakapsuläre Entfernung, bei der der Kapselinhalt mit einer feinen Kanüle abgesaugt wurde. Zudem kannte man schon die Methode einer operativen Behandlung bei Verwölbungen der Hornhaut. Zur Durchführung solcher chirurgischen Eingriffe bediente man sich vor allem Überlieferungen antiker Texte.

Als Verbandstoff nutzten die Chirurgen Leinen-, Woll- und Baumwolltücher. Es gab auch schon blutstillende Wundauflagen, die aus saugfähigem Materialien wie Werg oder Baumwollbäuschen und zerzupfter Leinwand bestanden. Zur Polsterung diente ein Federkissen. Ab dem Hochmittelalter gab es dann die Rollbinde. In der Hirnchirurgie kamen Seidentücher zum Einsatz, es war aber bei blutenden Wunden auch üblich, ein phloctuoch zur Blutstillung zu verwenden.

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Die häufigsten Arzneiformen der chirurgischen Praxis waren damals Schlafschwämme (Narkotika), Pflaster, swebtuoch, Salben, Öl, Pulver, Zäpfchen, Wundtränke und Kräuterumschläge (Bähung) sowie die Praktiken der Räucherung und des Einlaufs.

Viele dieser Rezepte lassen sich in Arzneibüchern des Mittelalters finden. So beschäftigt sich – neben etlichen über das Arzneibuch verteilten Einzelrezepten – auch ein umfangreicher Abschnitt des Admonter Bartholomäus aus dem 15. Jahrhundert mit der Vermengung von Stoffen zu Pflastern, Salben oder Tränken zur Wundheilung.

Von den wúnden, das si volhailn

Wild du die masen hailn, das sew nyemant chiesen múg, so nym weirach vnd mirren vnd Synebelen Aristologiam vnd múll ein leinen tuech  vnd paiss das in ainem wein vnd nym das vnd puluer, das du machst aus dem weirach vnd aus der mirren aus der aristologia – das ist ain wúrcz in den krámen – vnd seich das puluer in die wunden. Si verwáchst als pald.

Macht du des nicht gehaben, so nym hasen pain vnd ains menschen pain vnd man fell vnd geprancz hirssein hórn vnd pfeffer vnd auri pigmentum vnd weirach vnd mirren vnd aloe – aus disen ding mach ein stupp vnd sáe das auf die wúnden. Du solt aber die wúnden waschen mit esseich oder mit wein.

Von den Wunden, damit sie verheilen

Willst du eine Wunde heilen, sodass sie niemand mehr erkennen kann, so nimm Weihrauch, Myrrhe und Osterluzei und zerknülle ein Leinentuch, tunke das in Wein und gib das Pulver darauf, das du herstellst aus dem Weihrauch, der Myrrhe und der Osterluzei – das ist eine Pflanze, die du beim Händler kaufen musst – und trag das Pulver auf die Wunde auf. Sie wird rasch zuwachsen.

Wenn du das nicht hast, dann nimm Hasen- und Menschenknochen, Menschenhaut, pulverisiertes Hirschgeweih, Pfeffer, Auripigment, Weihrauch, Myrrhe und Aloe – aus diesen Dingen stelle ein Pulver her und trag das auf die Wunde auf. Du musst die Wunde allerdings mit Essig oder Wein auswaschen.

Unterschiedliche Wundärzte bedienten sich unterschiedlicher Rezepte, die sich in Herstellung und Inhaltsstoffen unterscheiden, in manchen Punkten allerdings auch gleichen konnten. Daher erscheint es bei einem Vergleich verschiedener Arzneibücher nicht verwunderlich, dass sich Differenzen für Rezepte sowie deren Anwendungsbereiche ergeben. Als Vergleich sollen der Bartholomäus und das Arzneibuch Ortolfs von Baierland herangezogen werden, welche beide Rezepte zur Herstellung von Pappelsalben anführen. Während im Bartholomäus für beide Rezepte namensgebende Pappelspitzen mit Hauswurz, Steinwurz und Nachtschatten mit Butter vermengt werden sollen, sind es bei Ortolf Hauswurz, Nachtschatten, Mohnblätter und Fett.

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Einige Mediziner schworen auf ihre eigenen Mixturen, die sie als wirksamer als jene ihrer Kollegen betrachteten. So beruft sich Heinrich von Pfolsprundt in seiner Wundarznei zur Legitimation auf Meister Johann von Biris, behauptet jedoch, ein noch besseres Wundtrankrezept zu kennen als dieser:

vnnd disser wundtrang steet inn meister Johan von Birers kunst. aber ich vor mein inn do mith bessser zcw machen vnd settzen, denn er vorn steht. denn ich öm zcw sattz gethon habe.

Dieser Wundtrank steht in Meister Johann von Birers Kunst. Aber ich glaube, ihn besser zu machen und anzusetzen, als er vorne steht, weil ich einen Zusatz hineingebe.

 

Wundheilung in der Literatur des Mittelalters

Krieg, Schlachten, Turniere, Zweikämpfe – die mittelalterliche Literatur war geprägt von heldenhaften Idealdarstellungen, die Männer als mutige Krieger darzustellen pflegte. Die erlittenen Verletzungen mussten selbst in der Unterhaltungskunst behandelt werden und so fand die Wundheilung Eingang in die literarische Kultur: So muss etwa der tapfere Gralsritter Erec im eponymen Versroman des Hartmann von Aue nach einem Kampf gegen den Ritter Keiin wundärztlich behandelt werden und Gawein, ebenfalls Ritter der Tafelrunde, erhält in Heinrichs von dem Türlin Diu Crone einen Wundverband, nachdem er im Kampf mit vier Brüdern verletzt wurde, und genest dadurch. Doch nicht nur im Kampf erlittene Wunden wurden literarisch verarbeitet: Ulrich von Liechtenstein berichtet in seinem Frauendienst, dem ersten Ich-Roman der deutschen Sprache aus dem Jahr 1255, von einer Mundoperation, um seiner Minnedame zu gefallen. Da sein Mund dabei anschwillt, verabreicht ihm der Wundarzt eine grüne Salbe:

zend unde munt mir tâten wê.
ein salbe noch grüener denn der klê
streich man mir in mînen munt:
diu stanc alsam ein fûler hunt.

… Mund und Zähne taten weh;
man strich mir eine Salbe jetzt,
die grün war, in den Mund hinein,
die stank so wie ein fauler Hund.


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Ulrich von Liechtenstein im Codex Manesse.. Quelle: Cod. Pal. Germ. 848. Fol. 237r.

 

Im Admonter Bartholomäus, aufgeschrieben zwei Jahrhunderte nach Ulrichs Schaffen, findet sich tatsächlich ein Rezept für eine grüne Pappelsalbe, die gegen Schwellungen und Entzündungen helfen soll. Es liegt die Annahme nahe, dass Ulrich von Liechtenstein in seiner plastischen Beschreibung eine solche (oder ähnliche) Zubereitung im Sinn hatte.

Das ist zw aller geswulst vnd zw allen swárn betagen

Item: zw aller geswulst vnd zú allen swárn wetagen vnd schussen ist gar gúet ein vnngent, das haisset populeon vnd ist grún. Do mit salb den menschen, wo er geswollen ist. Auch solt wissen, das die selb gar kalter natur ist, darumb ist si gar gút zw der hiczigen geswulst vnd legt die wetagen gar vast.

 

Das ist für alle Schwellungen und gegen alle eitrigen Leiden

Ebenso: Bei allen Schwellungen und bei allen eitrigen Leiden sowie Stichverletzungen ist eine Salbe gut, die Pappelsalbe heißt und grün ist. Damit schmiere den Menschen dort ein, wo er geschwollen ist. Du musst auch wissen, dass die Salbe sehr kalter Natur ist, deshalb hilft sie sehr gut bei entzündeten Wunden und lindert die Schmerzen sehr schnell.

 

Wenngleich es sich bei Ulrichs Ich-Roman wie auch bei den erwähnten höfischen Epen um fiktionale Texte handelt, weisen sie in der Schilderung der Versorgung von Verletzungen mitunter sehr detaillierte Beschreibungen von Behandlungsmethoden und Arzneimitteln, die sich mit der Fachliteratur der Zeit decken – Sie bilden somit als weitere wertvolle Quelle den medizinischen Wissensstand der Zeit ab.


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Die Pappel in einer Darstellung aus dem 15. Jahrhundert. Quelle: Cuba, Johannes von; Breydenbach, Bernhard von: Gart der Gesundheit, Ulm, 1487

 

Und auch wenn sich unsere heutige Medizin stark von der mittelalterlichen unterscheidet, Chirurgen nicht mehr dieselben Aufgabenbereiche wie Wundärzte zu erfüllen haben und der Hang zur Magie – zumindest in der Schulmedizin – überholt zu sein scheint, finden wir doch gerade im Bereich der Wundversorgung viele Parallelen zur Gegenwart, die von der Vorbeugung einer Sepsis durch Desinfektion über das Nähen von Wunden bis hin zur chirurgischen Behandlung größerer Leiden reichen und die lange Tradition (und stetige evidenzbasierte Weiterentwicklung) der Medizin veranschaulichen.

Autor: Stefan Hofbauer, auf Basis der Vorarbeiten von Wolfgang Holanik, Sabrina Bamberger sowie Elene Freitag, Kristina Gassner, Yeliz Ylmaz und Nadina Kottar (Schülerinnen des BG/BRG Knittelfeld)

 

Quellen- und Literaturverzeichnis

Buch der Bündth-Ertznei. Von Heinrich von Pfolsprundt, Bruder des deutschen Ordens. Hrsg. von H. Haeser und A. Middeldorpf. Berlin: Reimer 1868.

Das Arzneibuch Ortolfs von Baierland. Auf der Grundlage der Arbeit des von Gundof Keil geleiteten Teilprojekts des SFB 226 ‘Wissensvermittelnde und wissensorganisierende Literatur im Mittelalter’ zum Druck gebracht, eingeleitet und kommentiert von Ortrun Riha. Wiesbaden: Reichert 2014. (= Wissensliteratur im Mittelalter. 50.) S. 103-105; 108; 110. Übersetzung: Mittelalterliche Heilkunst. Das Arzneibuch Ortolfs von Baierland (um 1300). Eingeleitet, übersetzt und mit einem drogenkundlichen Anhang versehen von Ortrun Riha. Baden-Baden: DWV 2014. (= DWV-Schriften zur Medizingeschichte. 15.)

Holanik, Wolfgang; Schwinghammer, Ylva: Lernerorientierte Teiledition und Übersetzung des ‚Admonter Bartholomäus‘ auf Basis der dynamischen Lesefassung von Anna Tesch. Unter Mitwirkung von Lisa Glänzer, Stefan Hofbauer, Philipp Pfeifer, Magdalena Laura Halb, Johanna Damberger, Sabrina Bamberger sowie den Schüler/innen des BG/BRG Knittelfeld. Graz 2018.

Keil, Gundolf: Wundärztliche Maßnahmen. In: LMA 2 (1983), s.v. Chirurgie, Sp. 1855-1859.

Müller, Stephan (Hg.): Althochdeutsche Literatur. Eine kommentierte Anthologie. Stuttgart: Reclam 2007. (= Reclams Universal-Bibliothek. 18491.)

Ulrich von Liechtenstein: Frauendienst. Aus dem Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche übertragen von Franz Viktor Spechtler. Klagenfurt/Celovec: Wieser 2000. (= Europa erlesen. Literaturschauplatz.)

Ulrich’s von Liechtenstein Frauendienst. Hrsg. von Reinhold Bechstein. Teil 1. Leipzig: Brockhaus 1888. (= Deutsche Dichtungen des Mittelalters. Mit Wort- und Sacherklärungen. Bd. 6.) S. 30-34. Übersetzung: Ulrich von Liechtenstein: Frauendienst. Roman. Aus dem Mittelhochdeutschen ins Neuhochdeutsche übertragen von Franz Viktor Spechtler. Klagenfurt/Celovec: Wieser 2000. (= Europa erlesen.)

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